
Wer bin ich in diesem Land? Identität(en), Zugehörigkeit und Politische Bildung
Wer gehört dazu – und wer nicht? Für viele Kinder entscheidet sich das im Schulalltag – über Sprache, Erwartungen und darüber, ob sie gehört werden. In dieser Folge sprechen wir über Identität und Zugehörigkeit im Klassenzimmer und darüber, welche Rolle Politische Bildung dabei spielt.
Identität ist politisch. Und deshalb ein zentrales Thema für Politische Bildung. Gerade in einer vielfältigen Gesellschaft erleben viele junge Menschen Mehrfachzugehörigkeiten: Sie wachsen mit verschiedenen kulturellen Prägungen auf und bewegen sich zwischen Herkunft, Sprache und Zugehörigkeit – zu Österreich, Europa und darüber hinaus.
Zugehörigkeit ist kein Gefühl, sondern eine strukturelle Frage. Und Schule ist der Ort, an dem sie täglich entschieden wird:
- Wo gehöre ich dazu?
- Welche Sprache darf ich sprechen?
- Und wie werde ich wahrgenommen?
Gerade für Kinder mit Migrations- oder Fluchterfahrungen ist das oft mit zusätzlichen Herausforderungen verbunden.
Migrationsgesellschaft wider Willen
Österreich ist längst eine Einwanderungsgesellschaft. Menschen sind aus unterschiedlichen Gründen gekommen: zum Arbeiten, zum Studieren, aus familiären Gründen oder weil sie flüchten mussten.
Lange wurde dennoch so getan, als wäre das nur eine vorübergehende Realität. Bis heute wird immer wieder neu verhandelt, wer dazugehört – und wer nicht.
Wäre es da nicht an der Zeit, auch das österreichische Selbstverständnis zu öffnen?
Ich würde sagen, wir sind eine Migrationsgesellschaft wider Willen. Und ich glaube, das ist der entscheidende Moment.
So beschreibt es der Soziologe Kenan Güngör, der seit fast 20 Jahren Organisationen und politische Entscheidungsträger*innen zu integrations- und diversitätsbezogenen Themen berät.
Sprache gehört zur Identität
Sprache gehört zur Identität. Denn die Diskussion über die “Schulsprache” prägt, wie Kinder und Jugendliche sich selbst sehen, meint Catherine Carré-Karlinger.
Es geht in der Schule sehr stark um sprachliche Identität, weil über Sprache lernt man in der Schule. Das heißt, das Thema Identität wird sehr stark abgespielt über Sprachen an Schulen.
Sprache ist dabei nie neutral. Sie entscheidet darüber, wer verstanden wird, wer mitreden kann und wer außen vor bleibt.
Gleichzeitig fehlen oft die Rahmenbedingungen, um genau das gut zu begleiten. Darauf weist auch Sina Farahmandnia hin, Vorsitzender des Vereins „Vielmehr für alle!“ und verantwortlich für die “PROSA-Schule”, wo junge Geflüchtete einen Pflichtschulabschluss nachholen können.
Vor allem in pädagogischen Zusammenhängen hat Erfolg ganz viel mit Wertschätzung zu tun.
Hier entscheidet sich nicht nur, wie Kinder lernen, sondern ob sie sich als Teil dieser Gesellschaft erleben. Zugehörigkeit entscheidet sich auch daran, ob junge Menschen im Bildungssystem Unterstützung erfahren, oder ob sie mit ihren Erfahrungen und Belastungen allein gelassen werden.
Damit wird deutlich: Es geht hier nicht nur um Pädagogik, sondern um eine zentrale Frage Politischer Bildung.
Verkehrssprache in einer Gesellschaft und Selbstermächtigung
Armut, traumatische Erfahrungen, unterbrochene Bildungswege und Alltagsrassismus prägen für viele Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen den Schulalltag. Das erschwert nicht nur das Lernen, sondern auch das Gefühl, überhaupt dazuzugehören.
Gleichzeitig spielt Sprache eine zentrale Rolle. Wer die gemeinsame Verkehrssprache beherrscht, kann sich besser ausdrücken, sich wehren, seine Interessen vertreten.
Der Soziologe und Diversitätsexperte Kenan Güngör betont deshalb, wie entscheidend das Erlernen der deutschen Sprache für gesellschaftliche Teilhabe ist.
Es geht nicht darum, die Österreicher oder Deutschen zu beruhigen, wenn alle Deutsch sprechen, sondern es geht vielmehr um Selbstermächtigung, auf Augenhöhe mit Menschen dauerhaft zu sprechen.
Lebenswelten einbinden
Ursula Maurič von der Pädagogischen Hochschule Wien beschäftigt sich intensiv mit Mehrsprachigkeit im Bildungssystem. Als Teil des Netzwerks voXmi setzt sie sich dafür ein, Sprachen als Ressource zu verstehen.
Für sie ist klar: Schule muss die Lebensrealitäten der Kinder stärker berücksichtigen.
Ein Argument findet sich im Lehrplan. Das heißt, man soll die Lebenswelten der Schüler einbinden und die sind einfach mehrsprachig.
Die Politische Bildung wäre für mich ein Ort, wo zweifelsfrei Mehrsprachigkeit viel stärker noch mitzudenken wäre. Nämlich auch dort, wo es darum geht, Wege zu finden, möglichst viele in die Position zu bringen, dass sie gut mitreden können.
Mehrsprachigkeit betrifft dabei nicht nur Kinder mit mehreren Erstsprachen. Sie ist Teil der Lebenswelt aller.
Gesellschaftlicher Widerspruch
Gerade in der Diskussion über Mehrsprachigkeit zeigt sich jedoch ein auffälliger Widerspruch: Während sprachliche Vielfalt in manchen Kontexten als große Chance gilt, wird sie in anderen als Problem dargestellt.
Ursula Maurič fragt deshalb: Warum sollte Mehrsprachigkeit für manche Kinder ein Nachteil sein, während andere gezielt davon profitieren sollen?
Es gibt absolute Eliteschulen, die machen nichts Anderes, als Mehrsprachigkeit zu fördern.
Manche Sprachen gelten als besonders wertvoll – etwa Englisch oder Französisch. Andere Sprachen werden hingegen schnell mit Problemen oder Integrationsdebatten verbunden.
Überspitzt gesagt: Kinder aus privilegierten Familien lernen mehrere Sprachen und gelten als international und weltoffen. In vielen Pflichtschulen hingegen wird Mehrsprachigkeit oft als Herausforderung wahrgenommen.
Politische Bildung als Gamechanger?
Wenn Vielfalt und Zugehörigkeit zentrale Themen unserer Gesellschaft sind, stellt sich auch eine weitere Frage: Welche Rolle spielt dabei die Politische Bildung?
Politische Bildung kann Räume schaffen, in denen genau diese Fragen verhandelt werden: Wer gehört dazu? Wer wird gehört? Und wer nicht?
Der Soziologe Kenan Güngör weist in diesem Zusammenhang auf eine wichtige Beobachtung hin: In der öffentlichen Diskussion über Migration werden oft extreme Beispiele hervorgehoben – während viele erfolgreiche Integrationsgeschichten kaum sichtbar sind.
Richtig oder Falsch?
Richtig ist, dass Kinder und Jugendliche heute in einer vielfältigen Gesellschaft aufwachsen. Viele sprechen mehrere Sprachen, bewegen sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten und entwickeln ihre Identität aus verschiedenen Einflüssen.
Es wäre falsch, diese Vielfalt automatisch als Problem zu betrachten. Denn wenn Schule Mehrsprachigkeit nur als Defizit wahrnimmt, verstärkt sie Unsicherheiten, statt Chancen zu eröffnen.
Trotzdem ist es richtig, dass die gemeinsame Sprache – also Deutsch – für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe entscheidend ist.
Es ist aber falsch, daraus abzuleiten, dass andere Sprachen weniger wert sind oder aus dem Schulalltag verschwinden sollten. Wir erinnern uns: Sprache ist immer auch Teil von Identität.
Deshalb ist es auch falsch, Schülerinnen und Schüler vorschnell in Kategorien wie „wir“ und „die anderen“ einzuteilen.
Richtig ist, dass Schule ein zentraler Ort für das gesellschaftliche Zusammenleben ist. Hier können Kinder lernen, Unterschiede auszuhalten, Gemeinsamkeiten zu entdecken und ihre eigene Stimme zu entwickeln.
Letztlich geht es um eine grundlegende Frage:
Welche Schule – und welche Gesellschaft – wollen wir sein?
Zu Gast in dieser Podcast Folge sind:
- Catherine Carré-Karlinger – Expertin für Sprachliche Bildung im Kontext von Migration und für Demokratiebildung
- Sina Farahmandnia – Vorsitzender Vielmehr für alle! – Verein für Bildung, Wohnen und Teilhabe
- Kenan Dogan Güngör – Soziologe, Direktor von think.difference – Kompetenz für migrationsgeprägten Wandel
- Ursula Maurič – Institut für Urban Diversity Education , Pädagogische Hochschule Wien Arbeitsbereich: Politische Dimensionen, Bildungsnetzwerk voXmi (Bundeskoordination),Strategiegruppe Globales Lernen / Global Citizenship Education, Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen
Linktipps:
- Identitäten. Informationen zur Politischen Bildung 40/2016
https://www.politischebildung.com/informationen-zur-politischen-bildung/identitaeten/
- Portfolio zur kulturellen und sprachlichen Identität. Wien: Edition polis, 2021
https://www.politik-lernen.at/portfolio_kulturelleidentitaet
- polis aktuell 5/2021: Sprachenrechte
https://www.politik-lernen.at/pa_sprachenrechte
- Mehrsprachigkeit – Erstsprachenunterricht – Interkulturelle Bildung (Website des Bildungsministeriums)
https://www.bmb.gv.at/Themen/schule/schulpraxis/ba/sprabi/msmuib.html
- voxmi. voneinander und miteinander Sprachen lernen und erleben https://www.voxmi.at/
- PROSA. Schule für alle https://www.prosa-schule.org/
- Identität(en) aus Sicht der Politischen Bildung. Frankfurt/M.: Wochenschau Verlag, 2015.https://www.wochenschau-verlag.de/Identitaet-en-aus-Sicht-der-Politischen-Bildung/40038
- Identitäten. Unterrichtsbeispiele des Demokratiezentrum Wien https://www.demokratiezentrum.org/bildung/angebote/unterrichtsbeispiele/identitaeten/
- Blick zu den Nachbarn: Das deutsche Schulsystem soll Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen auf Bildung ermöglichen. Doch im Schulalltag erlebt ein Teil der Schülerinnen und Schüler rassistische Diskriminierung, wie eine neue Expertise des Mediendienst Integration zeigt. Aktuelle Forschung: Rassistische Diskriminierung in der Schule
Themenverwandte Folgen von Richtig & Falsch
- Richtig & Falsch Folge 10 – Mehr Sprachen, mehr Potential: https://richtigundfalsch.podigee.io/13-mehrsprachigkeit
- Richtig & Falsch Folge 5 – Alltagsrassismus erkennen und diskutieren: https://richtigundfalsch.podigee.io/7-alltagsrassismus
Redaktion: Patricia Hladschik, Nina Schnider, Karl Schönswetter und Johanna Hirzberger
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Richtig & Falsch ist ein Kooperation von Zentrum Polis – Politik lernen an der Schule, der Arbeiterkammer Wien und Demokratie21.


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