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Streitkultur

Streitkultur im Klassenzimmer – Diskursverengung, Meinung und Politische Bildung

Was darf man (noch) sagen – und was nicht? Zwischen Moralisierung, Angst vor Sanktionierung und zunehmender Polarisierung geraten offene Debatten immer öfter unter Druck. Doch gerade in der Politischen Bildung sind kontroverse Themen kein Risiko, sondern ein Lernanlass. 

In dieser Folge von Richtig & Falsch sprechen wir über Streitkultur im Unterricht, die Bedeutung von Beziehung, den Beutelsbacher Konsens und die Frage, wie Diskussionen begleitet werden können, ohne sie zu ersticken.

Ausgehend von der 16. Jahrestagung der Interessengemeinschaft Politische Bildung (IGPB) unter dem Titel „Denk- und Sprechverbote als Lernanlass in der Politischen Bildung“ sprechen wir mit Expert*innen aus Schule und Hochschule. Im Zentrum stand dabei nicht nur die Frage nach gesellschaftlichen Diskursverengungen, sondern ganz konkret der schulische Alltag:

Wie reagieren Lehrkräfte, wenn Schülerinnen und Schüler extreme Positionen vertreten?

Zwischen Unterrichtspraxis und theoretischer Reflexion widmet sich diese Folge einer zentralen Frage: Wie bleibt ein demokratischer Dialog lebendig, wenn Meinungen stark auseinandergehen?

Parolen als Lernanlass

Kontroverse Aussagen gelten im Unterricht oft als Störung. Für Alexandra Amante sind sie ein Ausgangspunkt für politisches Lernen. Entscheidend ist nicht, Aussagen sofort zu bewerten, sondern sie einzuordnen und zu öffnen.

Bevor ich etwas dazu zu sage, frage ich mal in die Klasse: Wie sehen das andere? Stimmt ihr zu? Gibt es da einen Widerspruch?

Alexandra Amante

Struktur, klare Gesprächsregeln und die Beteiligung der ganzen Klasse helfen dabei, Streit nicht eskalieren zu lassen, sondern produktiv zu machen, auch dann, wenn Aussagen provozieren oder irritieren.

Der emeritierte Didaktikprofessor Wolfgang Sander weist darauf hin, dass nicht jede zugespitzte Aussage eine feste Überzeugung sein muss: 

Das kann eine feste Überzeugung sein, das kann eine spontane Assoziation sein. Das kann etwas sein, womit er seinen Lehrer gerne ärgert. Und das einschätzen zu können, ist erstmal wichtig, glaube ich.

Wolfgang Sander

 

Der Beutelsbacher Konsens im Unterricht

Wenn Diskussionen im Klassenzimmer hitzig werden, stellt sich schnell die Frage: Wo sind die Grenzen und wer trägt Verantwortung? In der Politischen Bildung dient der Beutelsbacher Konsens dabei als zentraler Orientierungsrahmen.

Kurz gefasst beruht der Beutelsbacher Konsens auf drei didaktischen Leitgedanken: Lehrende dürfen Schüler*innen nicht überwältigen oder manipulieren. Kontroverse Themen müssen im Unterricht auch als kontrovers behandelt werden. Und Schüler*innen sollen befähigt werden, eigenständig politisch zu urteilen und zu handeln.

Der Konsens wird dabei häufig missverstanden – etwa als Aufforderung zur Neutralität. Heike Krösche, Assistenz-Professorin am Institut für Fachdidaktik der Universität Innsbruck, stellt im Gespräch klar, dass genau das nicht gemeint ist:

Wir diskutieren in dem Zusammenhang auch, dass es vonseiten der Politik-Didaktik einen Konsens gibt, dass das Überwältigungsverbot in diesem Zusammenhang eben kein Neutralitätsgebot bedeutet, dass es nicht in diese Richtung ausgelegt werden kann und Lehrerinnen sich nicht neutral verhalten müssen, aber es letzten Endes auch gar nicht können, weil sie ja letzten Endes verpflichtet sind, sich auch für demokratische Werte und Menschenrechte in der Institution Schule einzusetzen und dafür einzustehen.

Heike Krösche

Gerade in konflikthaften Situationen macht dieser Rahmen deutlich: Politische Bildung heißt nicht Rückzug, sondern begründete Haltung bei gleichzeitiger Offenheit für unterschiedliche Positionen.

Ohne Vertrauen keinen echten Dialog

Was dieser Rahmen im Alltag bedeutet, zeigt sich im Unterricht von Timo Brunnbauer an der Polytechnischen Schule Linz. In seinem Unterricht wird oft heftig diskutiert. Schülerinnen und Schüler provozieren – manchmal aus Neugier, manchmal aus Unsicherheit. Seine Strategie: ruhig bleiben, nachfragen, Beziehungsarbeit. Denn ohne Vertrauen gibt es keinen echten Dialog.

Es gibt eine klar definierte Werteordnung. Die Werteordnung ist die Verfassung. Und da stehen eben ein paar wichtige Dinge drinnen. Auch der Schutz und Rechte von Menschen, der Schutz der Menschenrechte usw. Und das gilt für mich.

Timo Brunnbauer

Richtig oder Falsch?

Es ist richtig, dass politische Bildung dort beginnt, wo Lernende mit ihren Fragen, Zweifeln und auch Provokationen ernst genommen werden. Denn nur wenn Jugendliche spüren, dass ihre Stimmen Gewicht haben, entstehen Lernräume, in denen unterschiedliche Positionen ausgesprochen, hinterfragt und weitergedacht werden können. Und es ist richtig, dass Vertrauen, Beziehung und Zugewandtheit das Fundament bilden, auf dem jede Form des demokratischen Lernens stehen muss.

Es ist falsch zu glauben, pädagogisches Handeln bedeute, jede Kontroverse zu vermeiden oder scharfe Aussagen sofort zu sanktionieren. Lernen passiert nicht in Watte gepackt, nicht im harmonischen Ausnahmezustand, sondern im Ring mit verschiedenen Argumenten. 

Ebenso falsch ist die Vorstellung, Lehrkräfte müssten neutral bleiben oder politische Bildung ließe sich wie ein Kochrezept abarbeiten. Ohne klare Haltung, ohne Begleitung und ohne Raum für Reflexion kann politische Mündigkeit nicht wachsen.

Richtig ist, dass politische Bildung Haltung braucht – eine klare Orientierung an Demokratie und Menschenwürde, verbunden mit Offenheit und Ambiguitätstoleranz. 

Und es ist richtig, dass wir gemeinsam mit jungen Menschen üben müssen, was demokratische Streitkultur bedeutet: andere Perspektiven auszuhalten, konstruktiv zu widersprechen und dennoch miteinander im Gespräch zu bleiben.

 

Zu Gast in dieser Podcast Folge sind:

  • Alexandra Amante (Lehrerin am BRG23, Anton-Krieger-Gasse, Wien) 
  • Heike Krösche (Institut für Zeitgeschichte | Institut für Fachdidaktik, Universität Innsbruck)
  • Timo Brunnbauer (Lehrer an PTS Linz Stadt 1, Personalvertreter )
  • Wolfgang Sander (Professor (im Ruhestand) für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Gießen)

 

Linktipps:

  • Mittnik, Philipp; Lauss, Georg; Schmid-Heher, Stefan: Was darf Politische Bildung? Eine Handreichung für LehrerInnen für den Unterricht in Politischer Bildung. Wien: Zentrum für Politische Bildung, 2018. https://www.politik-lernen.at/wasdarfpb 
  • Beutelsbacher Konsens. Informationen auf der Website der Landeszentrale für politische Bildung, Baden-Württemberg https://www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens   
  • Kontroverse Themen unterrichten. Zusammenstellung von Zentrum polis: https://www.politik-lernen.at/kontroversethemen 
  • Lösungsansätze: Kurz-, mittel- und langfristige Handlungsoptionen. Blogbeitrag von Demokratiekosmos Schule (bpb, 2022) https://www.bpb.de/themen/bildung/dekos/510186/loesungsansaetze-kurz-mittel-und-langfristige-handlungsoptionen/ 
  • Die vulnerable Gesellschaft – Die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit von Frauke Rostalski (Buchtipp von Wolfgang Sander) https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/560789/die-vulnerable-gesellschaft/
  • 16. Jahrestagung der IGPB https://igpb.at/wp-content/uploads/Tagungsfolder_IGPB_2025.pdf 

Themenverwandte Folgen von Richtig & Falsch

  • Folge 1: Akut Politisches im Klassenzimmer: https://demokratie21.at/akut-politisches-klassenzimmer/
  • Pilotfolge: Keine Angst vor Spontaneität: https://demokratie21.at/podcast-angst-vor-spontaneitaet/

 

Redaktion: Patricia Hladschik, Nina Schnider, Karl Schönswetter und Johanna Hirzberger

Alle Folgen finden Sie hier.

Richtig & Falsch ist ein Kooperation von Zentrum Polis – Politik lernen an der Schule, der Arbeiterkammer Wien  und Demokratie21.

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Nina Schnider
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