
Was darf Politische Bildung? 50 Jahre Beutelsbacher Konsens
Dürfen Lehrkräfte ihre politische Meinung sagen? Gibt es Grenzen für kontroverse Diskussionen? Wie können Schüler*innen lernen, ihre eigenen Interessen politisch zu vertreten? Seit 50 Jahren bietet der Beutelsbacher Konsens Orientierung für die Politische Bildung. In der Praxis zeigt sich, dass sich hinter diesen Prinzipien ganz schön knifflige Fragen auftun.
1976 wurden im deutschen Beutelsbach drei Grundsätze formuliert, die bis heute die Politische Bildung prägen:
- Überwältigungsverbot: Schüler*innen dürfen nicht im Sinne erwünschter Meinungen beeinflusst und daran gehindert werden, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden.
- Kontroversitätsgebot: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden.
- Orientierung an den Interessen der Lernenden: Schüler*innen sollen politische Situationen und ihre eigenen Interessen analysieren und Möglichkeiten erkennen, politisch Einfluss zu nehmen.
Zum 50-jährigen Jubiläum haben Patricia Hladschik und Karl Schönswetter vom Zentrum polis gemeinsam mit Philipp Mittnik von der Pädagogischen Hochschule Wien in unser Podcast-Archiv zurückgehört. Denn der Beutelsbacher Konsens taucht in vielen Folgen von Richtig & Falsch auf.
Überwältigungsverbot: Haltung statt Neutralität?
Ein Missverständnis hält sich hartnäckig: Lehrkräfte müssten sich bei politischen Fragen neutral verhalten und ihre eigene Meinung aus dem Unterricht heraushalten.
Kai Schubert, Politikwissenschafter und Gast unserer Folge zu Antisemitismus, widerspricht dieser Vorstellung:
Diese Vorstellung des Neutralitätsgebots, dass es in der Form nicht gibt. Also aus fachlicher Sicht muss man sagen, das führt sehr in die Irre. Politische Bildung kann nicht neutral sein, also politische Bildung darf nicht überwältigen. Aber weder ist es geboten, dass eine Lehrerin ihre eigene Meinung versucht völlig auszuklammern aus ihrer pädagogischen Arbeit. Noch muss man sämtliche politischen Positionen, die es irgendwie so gibt, in der Welt gleichberechtigt präsentieren.
Auch Philipp Mittnik sieht es kritisch, wenn Lehrkräfte aus Angst vor Beeinflussung ihre Position grundsätzlich verschweigen:
Wir wollen, dass junge Menschen in der Schule ihre eigene Meinung sagen. Eines der Hauptziele der politischen Bildung überhaupt ist die Ausbildung einer Urteilsfähigkeit. Wir wollen junge Menschen dorthin bringen, dass sie einen gesellschaftlichen Konflikt beurteilen können, einordnen können, aber auch offen für neue Argumente werden.
Lehrkräfte dürfen ihre politische Meinung äußern. Entscheidend ist, dass sie ihre Position nicht als einzig richtige Antwort vorgeben und andere Urteile ermöglichen. Wolfgang Sander beschreibt das Klassenzimmer deshalb als offenen Denkraum, in dem Schüler unterschiedliche Positionen kennenlernen und ihre eigenen Urteile entwickeln können.
Kontroversitätsgebot: Wo endet die Kontroverse?
Was in Politik und Wissenschaft kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden. Doch das bedeutet nicht, dass Politische Bildung einfach alle Meinungen nebeneinander stellt.
Philipp Mittnik hält die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Positionen für unverzichtbar. Denn Demokratie lässt sich nicht allein dadurch vermitteln, dass ihre Bedeutung betont wird:
Demokratie ist wichtig. Demokratie ist schön. Wir nehmen uns an der Hand und haben uns alle lieb. Das funktioniert ja offensichtlich nicht, sondern es setzen sich Extremismen immer weiter durch. Es setzt sich Abwertung immer weiter durch. Es setzt sich Diskriminierung immer weiter durch.
Doch wie weit reicht das Kontroversitätsgebot? Muss jede Position gleichberechtigt behandelt werden? Philipp Mittnik zieht eine klare Grenze:
Ich möchte nicht darüber diskutieren, dass Frauen weniger wert sind als Männer. Ich möchte darüber nicht diskutieren, dass Türken schlechtere Menschen sind als Österreicher.
Gerade bei rassistischen, antisemitischen oder anderen diskriminierenden Aussagen stehen Lehrkräfte vor einer Herausforderung: Widersprechen, ohne die pädagogische Auseinandersetzung abzubrechen.
Robert Hummer plädiert dafür, solche Aussagen zum Gegenstand des Lernens zu machen:
Und da denke ich mir schon, dass es gefordert ist, wichtig ist, sich bewusst zu sein, dass man sich in einer pädagogischen Situation befindet. Und da geht es dann nach meinem Dafürhalten darum, dass man solche Aussagen bearbeitbar macht, problemorientiert bearbeitbar macht. Es kann Situationen geben, wo das vielleicht erst in der nächsten oder übernächsten Stunde passiert. Aber es wird Situationen geben müssen, wo ich darauf reagiere.
Wie sie mit provokanten Aussagen im Unterricht umgeht, beschreibt Lehrerin Alexandra Amante: Sie fragt zunächst nach, lässt andere Perspektiven aus der Klasse zu Wort kommen und bezieht anschließend selbst Stellung.
Über den Umgang mit einzelnen Kontroversen hinaus stellt sich die Frage, welche Machtverhältnisse und Ungleichheiten politische Auseinandersetzungen prägen. Diese Perspektive betont die Frankfurter Erklärung von 2015, die für eine kritisch-emanzipatorische Politische Bildung eintritt.
Politische Mündigkeit: Selbst denken und handeln
Das dritte Prinzip des Beutelsbacher Konsenses, die Orientierung an den Interessen der Lernenden, geht über die eigenständige Meinungsbildung hinaus. Schüler*innen sollen ihre Interessen erkennen, politische Zusammenhänge verstehen und Möglichkeiten entwickeln, gesellschaftliche Verhältnisse mitzugestalten.
Wolfgang Buchberger beschreibt, worauf Politische Bildung abzielt:
Wenn bei den Lernenden das Ziel der politischen Mündigkeit erreicht werden soll, kann das nicht durch die Reproduktion auswendig gelernter Wissensbestände beziehungsweise vorgefertigte Meinungen und politische Urteile, Einstellungen geschehen, sondern nur durch die Entwicklung der Fähigkeiten für selbstständiges politisches Denken und Handeln.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt Vinzent Hilbrand von der Arbeiterkammer Wien am Beispiel der Wirtschaftsbildung: Wer sich mit Einkommens- und Vermögensverteilung beschäftigt, kann auch untersuchen, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen den eigenen Interessen entsprechen und welche nicht.
Genau darum geht es beim Beutelsbacher Konsens: nicht darum, Lehrkräfte möglichst zurückhaltend zu machen, sondern Schüler*innen zu befähigen, selbstständig politisch zu denken, zu urteilen und zu handeln.
Richtig oder Falsch?
Es wäre falsch, den Beutelsbacher Konsens als Aufruf zur Neutralität zu verstehen.
Es wäre falsch, Kontroversität mit Beliebigkeit zu verwechseln.
Und es wäre falsch, als Lehrkraft die eigene Haltung aus dem Unterricht zu verbannen.
Richtig ist: Schülerinnen und Schüler brauchen Raum, um unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen, diese kritisch zu prüfen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Richtig ist aber auch: Politische Bildung findet nicht im luftleeren Raum statt. Demokratie und menschenrechtliche Grundprinzipien bilden ihren normativen Rahmen.
Im Gespräch:
- Philipp Mittnik – Professor für Geschichts- und Politikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule in Wien. Leitet den Arbeitsbereich für Politische Bildung.
Mit Stimmen aus unserem Podcast Archiv:
- Alexandra Amante – Lehrerin am BRG23, Anton Krieger Gasse, Wien
- Wolfgang Buchberger – Professor an der PH Salzburg, Hochschulprofessor für Geschichts- und Politikdidaktik, Leitung des Zentrums für Geschichts- und Politikdidaktik, Institut für Impulse im Bildungsbereich
- Barbara Buchegger – Pädagogische Leiterin von saferinternet.at
- Boris Ginner – Bildungspolitischer Referent in der Arbeiterkammer Wien
- Vinzent Hilbrand – Referent für Wirtschaftsbildung bei der AK Wien. Betreut das Workshop- und Planspiel-Programm im Bereich der wirtschaftlichen Bildung.
- Robert Hummer – Politik- und Geschichtsdidaktiker an der PH Salzburg
- Heike Krösche – Institut für Zeitgeschichte | Institut für Fachdidaktik, Universität Innsbruck
- Lara Kierot – Zentrum für Lehrer*innenbildung an der Universität Wien
- Wolfgang Sander – Professor (im Ruhestand) für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Gießen)
- Kai Schubert – Antisemitismusforscher & politischer Bildner, wissenschaflticher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum
Linktipps:
Beutelsbacher Konsens – Grundlagen
- Themenseite zum Beutelsbacher Konsens. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: https://www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens
- Beutelsbacher Konsens im Wortlaut. Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/auftrag/51310/beutelsbacher-konsens/
- Praxis-Test zum Beutelsbacher Konsens mit Fallbeispielen. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: https://www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens/praxis-test
- Aus Anlass von 50 Jahre Beutelsbacher Konsens: Politische Bildung. Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 43-45/2026: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/politische-bildung-2026/
Überwältigungsverbot – Neutralität und Haltung
- Muss Politische Bildung neutral sein? Mini-Dossier von Zentrum polis: https://www.politik-lernen.at/muss-politische-bildung-neutral-sein
- Philipp Mittnik, Georg Lauss, Stefan Schmid-Heher (Hrsg.): Was darf Politische Bildung? Eine Handreichung für LehrerInnen für den Unterricht in Politischer Bildung. Wien, 2018:https://www.politik-lernen.at/wasdarfpb
- Grundsatzerlass Unterrichtsprinzip Politische Bildung. Bundesministerium für Bildung und Frauen, 2015: https://www.politik-lernen.at/dl/optmJKJKoOoOnJqx4LJK/2015_12.pdf
- Politik in der Schule. Nachrichten für Politische Bildung, Zentrum polis, Februar 2024: https://www.politik-lernen.at/dl/kNrOJKJKoOMNlJqx4KNJK/Nachrichten_f_r_Politische_Bildung_Februar_2024_-_Politik_in_der_Schule_pdf
Kontroversitätsgebot – Kontroverse Themen und ihre Grenzen
- Kontroverse Themen unterrichten. Mini-Dossier von Zentrum polis:
https://www.politik-lernen.at/kontroversethemen - Marion Wisinger: Heiße Themen – cool verpackt! Über den Umgang mit Politik im Unterricht. Edition polis: https://www.politik-lernen.at/dl/KpusJMJKomlNoJqx4kJK/wisinger_-_hei_e_themen_cool_verpackt_web_pdf
- polis aktuell 8/2024: Kritische Politische Bildung (mit einem Text zur Frankfurter Erklärung auf Seite 3): https://www.politik-lernen.at/pa_kritischepb
- Frankfurter Erklärung. Für eine kritisch-emanzipatorische Politische Bildung (Juni 2015): https://uol.de/f/1/inst/sowi/ag/politische_bildung/Frankfurter_Erklaerung_aktualisiert27.07.15.pdf
- Schweigen ist nicht neutral. Bundeszentrale für politische Bildung, 2026: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/553469/schweigen-ist-nicht-neutral/
Orientierung an den Interessen der Lernenden – Politische Mündigkeit
- Politisches Handeln im demokratischen System Österreichs. Informationen zur Politischen Bildung, Band 38: https://www.politik-lernen.at/izpb38
- Wer entscheidet, was wir sehen? Algorithmen in Sozialen Medien. Unterrichtseinheit von Zentrum polis: https://www.politik-lernen.at/algorithmen_in_sozialen_medien
- Referenzrahmen: Reflexionstool für Lehrkräfte zum Umgang mit kontroversen Themen. Zentrum polis: https://www.politik-lernen.at/dl/sqKnJMJKomMKkJqx4kJK/RFCDC_Reflexionstool_web_pdf
Mit O-Tönen aus diesen Podcast-Folgen
- Folge 15: Werte in der Politischen Bildung – Demokratie im Wandel
https://richtigundfalsch.podigee.io/18-werte - Folge 17: Früh übt sich. Politische Bildung in der Volksschule
https://richtigundfalsch.podigee.io/20-new-episode - Folge 19: Kampf für Arbeitsrechte. Widerstand in der Politischen Bildung
https://www.politik-lernen.at/folge19_richtigundfalsch - Folge 24: Antisemitismus in Schule & Gesellschaft
https://richtigundfalsch.podigee.io/27-antisemitismus - Folge 26: Handyverbot oder Medienkompetenz?
https://richtigundfalsch.podigee.io/29-handyverbot-oder-medienkompetenz - Folge 30: Streitkultur im Klassenzimmer
https://richtigundfalsch.podigee.io/33-streitkultur - Folge 32: Finanzbildung im Klassenzimmer
https://richtigundfalsch.podigee.io/35-finanzbildung-im-klassenzimmer
Redaktion: Patricia Hladschik, Nina Schnider, Karl Schönswetter
Alle Folgen finden Sie hier.
Richtig & Falsch ist ein Kooperation von Zentrum Polis – Politik lernen an der Schule, der Arbeiterkammer Wien und Demokratie21.


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