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Finanzbildung im Klassenzimmer: Geld, Ungleichheit und Politische Bildung

Jugendkonto, erste eigene Wohnung, Handyvertrag oder die Frage, ob sich Sparen überhaupt noch lohnt: Geld und der Umgang damit stellen viele junge Menschen vor Herausforderungen. 

Das zeigen auch aktuelle Untersuchungen: Viele Jugendliche fühlen sich nicht ausreichend auf ihre finanzielle Zukunft vorbereitet. Gleichzeitig schneiden Schülerinnen und Schüler in Österreich bei Financial Literacy im internationalen Vergleich gut ab.

Christian Fridrich, Hochschulprofessor für Geographische und Sozioökonomische Bildung, warnt deshalb davor, Finanzbildung pauschal schlechtzureden:

… unsere getesteten Schülerinnen und Schüler sind im Bereich der Financial Literacy signifikant über dem OECD-Durchschnitt. Und es wird natürlich die Finanzbildung von vielen Seiten krank geredet…

Trotzdem ist der Wunsch nach mehr Wirtschafts- und Finanzbildung in der Schule groß.

Aber was ist Finanzbildung eigentlich? Geht es darum, mit Geld umgehen zu können? Oder auch darum, wirtschaftliche Zusammenhänge besser zu verstehen?

Genau darum geht es in dieser Folge von Richtig & Falsch: Wir sprechen darüber, wie Finanzbildung in Österreich aussieht, was junge Menschen in der Schule aktuell über Geld und Wirtschaft lernen, wie Lehrkräfte mit den Spannungen zwischen individueller Kompetenz, gesellschaftlicher Verantwortung und politischen Kontroversen umgehen.

Und wir klären, warum all das auch für die Politische Bildung wichtig ist.

 

Nicht alles lässt sich individuell lösen

Finanzbildung wird oft sehr individuell gedacht. Wie spare ich richtig? Wie gehe ich mit meinem Geld um? Wie sorge ich privat fürs Alter vor?

Heidrun Edlinger bildet an der Universität Wien angehende Lehrkräfte im Fach Geographie und wirtschaftliche Bildung aus und unterrichtet selbst an einem Wiener Gymnasium. Sie sieht genau in dieser Verengung ein Problem:

Finanzbildung wird darauf reduziert. Individuell. Schau auf deine Altersvorsorge. Du musst schauen, wie mit Geld umgegangen wird. Du musst wissen, wie eine Steuererklärung aussieht etc.. Es wird immer alles auf das Individuum ausgelagert.

Wirtschaftliche Fragen sind immer auch gesellschaftliche und politische Fragen. Am Beispiel der Altersvorsorge zeigt sich das besonders deutlich: Nicht alle Menschen haben die Möglichkeit, Geld zur Seite zu legen oder langfristig zu investieren.

Heidrun Edlinger bringt hier die Politische Bildung ins Spiel:

Meine Stimme auf dem Wahlzettel entscheidet. Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden geschaffen? Wie kann ich Gesellschaft mitgestalten? Was kann ich einfordern? Und das kann ich nicht alles als Individuum alleine erfüllen.

Finanzbildung heißt also nicht nur: Was kann ich selbst tun? Sondern auch: Unter welchen Bedingungen treffe ich finanzielle Entscheidungen überhaupt?

 

Wer kann sich Finanzbildung leisten?

Isabel Baldreich koordiniert Finanzbildung bei der ASB Schuldnerberatungen GmbH. Sie weist darauf hin, wie eng Finanzkompetenzen mit sozialer Ungleichheit verbunden sind:

Was sich da aber schon zeigt, ist, dass es einen großen Unterschied nach sozialem Hintergrund gibt. Wenn man sich das anschaut, dann schneiden Jugendliche aus privilegierten Familien deutlich besser ab.

Viele Familien können nicht sparen, nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil es sich nicht ausgeht.

Eine Kollegin von Isabel Baldreich formuliert das besonders deutlich:

Wer gute Finanzbildung hat, der kann sich nur schneller ausrechnen, dass es sich nicht ausgeht.

Christian Fridrich, Hochschulprofessor für Geographische und Sozioökonomische Bildung, betrachtet Wirtschaft nicht isoliert, sondern immer im Zusammenspiel mit Gesellschaft, Politik und ökologischen Grundlagen. 

Es nützt die beste Finanzbildung nichts, wenn ich nicht die Ressourcen dazu habe. Das heißt, das ist nicht ein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Fridrich und Baldreich sind sich darüber einig, dass die persönliche Finanzbildung nur einen kleinen Anteil zur finanziellen Unabhängigkeit beitragen kann. Beide sprechen sich dafür aus, über den Tellerrand zu blicken und finanzielle Probleme von Einzelpersonen im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten. 

 

Finfluencer und die Erzählung vom schnellen Reichtum

Schule ist nicht der einzige Ort, an dem Jugendliche etwas über Geld lernen. Auf Social Media begegnen ihnen täglich Finfluencer*innen, Erfolgsgeschichten und Finanzversprechen.

Vinzent Hilbrand ist Referent für Wirtschaftsbildung bei der Arbeiterkammer Wien. Er beschreibt, warum diese Erzählungen so attraktiv sind:

Die ganzen Stories, die diese Finfluencer erzählen, sind natürlich sehr interessant. Ja, quasi die Story von “Ohne dass ich viel arbeiten muss, komme ich zu Reichtum”. Wer will das nicht?

Hinter solchen Erzählungen stehen oft wirtschaftliche Interessen. Viele Finfluencer verdienen an Klicks, Affiliate-Links oder Kooperationen. Deshalb reicht es nicht, jungen Menschen nur zu erklären, wie Investieren funktioniert. Hilbrand formuliert eine zentrale Frage:

Alle können ja Rendite machen. Die Frage ist aber immer: Woher kommt diese Rendite?

Genau hier wird Wirtschafts- und Finanzbildung politisch. Es geht nicht nur darum, ob jemand investiert, sondern welche Interessen und Machtverhältnisse dahinterstehen.

 

Neutral ist das nicht

Wenn Banken, Versicherungen, Broker oder andere Anbieter Finanzbildungsmaterialien zur Verfügung stellen, müssen Schulen genau hinschauen. Gut gemachte Angebote sind nicht automatisch neutral.

Isabel Baldreich sagt:

Finanzbildung in Österreich ist schon lange kein neutraler Raum mehr. Uns ist immer wichtig zu sagen: Bitte gut hinschauen. Wer vermittelt hier welche Inhalte? Und auch mit welchem Ziel.

Für Lehrkräfte heißt das nicht, dass sie wirtschaftliche Themen vermeiden sollen. Im Gegenteil: Gerade weil sie kontrovers sind, gehören sie in den Unterricht. 

Heidrun Edlinger bringt es auf eine einfache Formel:

Es gibt kein schwarz-weiß in der Welt, es gibt kein richtig und kein falsch. Aber es gibt auf Themen immer unterschiedliche Perspektiven.

Christian Fridrich beschreibt diesen Zugang so:

Wir leben ja in pluralen Gesellschaften, und es gibt eine Vielfalt an Meinungen. Es gibt eine Vielfalt von Denkrichtungen, die auch durchaus wissenschaftlich abgesichert sind.

Genau hier setzt auch der Beutelsbacher Konsens an:  Was in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, soll im Unterricht nicht vereinfacht oder einseitig dargestellt werden.  Schülerinnen und Schüler brauchen Raum, um unterschiedliche Perspektiven abzuwägen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. 

 

Wirtschaftliche Regeln sind nicht gottgegeben

Wirtschaftliche Zusammenhänge erscheinen oft als etwas Gegebenes. Doch auch die Regeln, nach denen unsere Wirtschaft funktioniert, sind entstanden und wurden immer wieder verändert. 

Vinzent Hilbrand von der Arbeiterkammer Wien sieht darin eine wichtige Aufgabe von Wirtschaftsbildung: 

Die Regeln im Wirtschaftssystem sind nicht gottgegeben, müssen verhandelt werden.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung oder Arbeitnehmer*innenrechte wurden immer wieder neu ausgehandelt.

Für Heidrun Edlinger geht es dabei auch darum, den Druck von Kindern und Jugendlichen zu nehmen: 

Vor allem müssen wir den Druck von unseren Kindern und Jugendlichen nehmen, dass sie die Probleme der Welt lösen.

Jugendliche nicht mit Problemen allein zu lassen, sondern ihnen Orientierung zu geben – das kann auch über Workshops und Planspiele gelingen. Sie sollen helfen, makroökonomische Prozesse verständlicher zu machen und den Blick auf größere Zusammenhänge zu richten. 

 

Richtig oder Falsch?

Es ist richtig, dass sich viele Jugendliche mehr Wirtschafts- und Finanzbildung in der Schule wünschen. Denn Fragen rund um Geld und wirtschaftliche Entscheidungen gehören längst auch zu ihrem Alltag.

Allerdings ist es falsch, dass die finanzielle Sicherheit allein von den richtigen Entscheidungen von Individuen abhängt. Auch Einkommen, soziale Herkunft und politische Rahmenbedingungen spielen eine wichtige Rolle.
Schulen müssen diese Themen aufgreifen und Jugendlichen Orientierung bieten.

Falsch wäre es, Wirtschaftsbildung nur auf Sparen, Investieren oder den Umgang mit dem eigenen Geld zu reduzieren. Denn finanzielle Entscheidungen haben immer auch gesellschaftliche Auswirkungen.

Deshalb ist es richtig, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Es wäre falsch zu glauben, dass Wirtschafts- und Finanzbildung völlig neutral oder wertfrei sein können. Gerade deshalb ist es wichtig, Interessen offenzulegen und verschiedene Sichtweisen zu diskutieren.

Und schließlich ist es richtig, dass Lehrkräfte dabei nicht alles alleine machen müssen. Externe Expertise und zusätzliche Unterrichtsmaterialien können unterstützen. 

 


Zu Gast in dieser Podcast Folge sind:

  • Isabel BALDREICH – Projektkoordination Finanzbildung bei der ASB Schuldnerberatungen GmbH (Dachorganisation der Schuldnerberatungen Österreich) Link
  • Heidrun EDLINGER – Universität Wien, Institut für Geographie und Regionalforschung, Lehramtsausbildung für Lehrer*innen der Geographie und wirtschaftlichen Bildung. Lehrerin an einem Wiener Gymnasium, im Vorstand der Stiftung für Wirtschaftsbildung. Link
  • Christian FRIDRICH – Hochschulprofessor für Geographische und Sozioökonomische Bildung (Schwerpunkt Wirtschafts- und Finanzbildung), Privatdozent an der Universität Graz. Professor an der Universität Wien, Verbundstudium. Link
  • Vinzent HILBRAND – Referent für Wirtschaftsbildung bei der AK Wien. Betreut das Workshop- und Planspiel-Programm im Bereich der wirtschaftlichen Bildung. Link

Linktipps:

  • Unterrichtsprinzip Wirtschafts- und Verbraucher/innenbildung ​​https://www.bmb.gv.at/Themen/schule/schulpraxis/prinz/wirtschaftserziehung.html 
  • Finanzbildungsportal des Bundesministeriums für Finanzen und der Oesterreichischen Nationalbank https://finanznavi.gv.at/
  • Österreichische Finanzbildungsstrategie https://www.bmf.gv.at/ministerium/nationale-finanzbildungsstrategie.html
  • Stiftung Wirtschaftsbildung https://stiftung-wirtschaftsbildung.at/
  • Das bundesweite Ready4Finance-Zertifikat zeichnet Schulen der Sekundarstufe I – Mittelschulen, AHS-Unterstufen sowie Sonderschulen – aus, die sich in besonderem Maße nachhaltig mit der Wirtschafts-, Finanz- und Verbraucher/innenbildung auseinandersetzen. https://www.bildung.gv.at/theme/ready4finance/page/index.php
  • INSERT – Unterrichtsbeispiele zu Wirtschaftsthemen https://insert.schule.at/
  • Dok 1 – Ich krieg‘ eh keine Pension (ORF-Doku) https://on.orf.at/video/14323654/dok-1-ich-krieg-eh-keine-pension
  • Wie viel Kapitalismuskritik braucht die politische Bildung?
    Universität Wien “Schule der Demokratie” https://rudolphina.univie.ac.at/perspektiven-fuer-die-politische-bildung
  • Finanzbildungsportal der staatlich anerkannten Schuldenberatungen https://finanzbildungsportal.at
  • Planspiele & Workshops der Arbeiterkammer – Handlungsorientiert wirtschaftliche & politische Zusammenhänge begreifbar zu machen, die unsere Arbeitswelt bestimmen, und spielerisch verschiedene Perspektiven einnehmen. https://www.arbeiterkammer.at/beratung/bildung/schule/akundschule/Planspiele_Workshops.html
  • YEP Jugendbericht Finanzbildung https://yep-works.org/finanzbildung/
  • Report: Mehr als nur Geld – Was finanzielles Wohlbefinden für Menschen bedeutet – Erste Stiftung https://www.erstestiftung.org/de/publications/mehr-als-nur-geld-was-finanzielles-wohlbefinden-fur-menschen-bedeutet/

Redaktion: Patricia Hladschik, Nina Schnider, Karl Schönswetter und Johanna Hirzberger

Alle Folgen finden Sie hier.

Richtig & Falsch ist ein Kooperation von Zentrum Polis – Politik lernen an der Schule, der Arbeiterkammer Wien  und Demokratie21.

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Nina Schnider
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